Ansichten einer Selfpublisherin

Der Duft von Literatur

von Lia Niehus, 07.07.2020

Bibliotheken sind magische Orte, in denen die Zeit seit den 80ern stillsteht. Sie locken mit Ruhe und duften nach Buch und Behörde, sind Zufluchtsorte, an denen große Reisen beginnen und tragische Liebesgeschichten enden. In meiner Kindheit ohne Internet, waren sie das Tor zu anderen Welten. Das sanfte Klicken der Lochkartenautomaten beim Ausleihen weckte Vorfreude. Astrid Lindgren war meine erste Heldin, sobald ich schreiben und lesen gelernt hatte. Die Büllerbü-Kinder nahmen mich an die Hand und zeigten mir ihr Schwedenparadies (heute gehe ich zu IKEA, wenn ich verklärt romantische Aufmunterung brauche). Später wechselte ich in die Jugendabteilung, ließ mich von den Klassikern mitreißen und verschlang auch weniger erfolgreiche Werke. Aufkommenden Hormone weckten mein Interesse für Romanzen über die erste Liebe und Petting. Sie waren meine Bravo. Ich las sie in stillen Nischen der Bibliothek, die Titel auszuleihen, war mir oft viel zu peinlich, so wie es einen mit 17 peinlich ist, Kondome zu kaufen. Als ich in der Jugendabteilung nichts Befriedigendes mehr fand, wagte ich mich mit klopfenden Herzen zu den Regalen für Erwachsene vor. Die Cover zu bewerten, das Buch aufzuschlagen, sich vom ersten Satz verführen oder enttäuschen zu lassen, das war mein Abenteuer, das Gefühl von Freiheit. Dinge zu erfahren, von denen man rote Wangen bekommt oder Nachts nicht schlafen kann. Ich huldige den Verfassern und Autorinnen heute nachträglich, wenn ich eine unscheinbare Stadtbücherei betrete, um dort zu schreiben. Denn heute weiß ich, wieviel Schweiß, Ausdauer und Leidenschaft es braucht, um all diese Offenbarungen zu Papier zu bringen, um Reisen, Freundschaften, Lachen und Tränen zu schenken. Meistens suche ich mir einen ruhigen Tisch, packe meinen Laptop oder mein Notizbuch aus, inhaliere den nostalgischen Duft von Literatur und schalte mein Kopfkino an, drifte ab, in eine Zeit, die zwar nicht immer einfach war, aber die mich dank der Fantasie glücklich gemacht hat und dann lasse ich meine Ideen in meine Fingerkuppen fließen, gebe Skizzen ein Leben und Orten eine Geschichte, hoffe, dass meine Protagonisten irgendwann einmal in einem dieser Regale darauf warten dürfen, entdeckt zu werden.

Selfpublished

von Lia Niehus, 01.06.2020

WHOOP WHOOP. Das in etwa ging mir durch den Kopf, als ich beschloss mein Buch-Baby alleine auf die Welt zu bringen. Doch daraus wurde schnell OMG. Für meinen Traum habe ich die dunkle Seite der Macht betreten: Amazons Kindle Direct Publishing. Es ist ein Kinderspiel, dort sein Buch hochzuladen. Das ist die Wahrheit, aber – hochladen ist zwar nicht schwer, vermarkten jedoch sehr! Besonders als Klischee-Autorin, mit introvertierten, leicht misanthropischen Charakterzügen. Und eigentlich möchte ich nur an tollen Orten oder aber meiner Wohnung Werke verfassen, die durch Zauberhand auf den Bestseller-Listen landen. Es selbst zu machen, auch wenn ich dabei meine kreative Seele an einen Wirtschaftsriesen binde, war für mich die Lösung. Immerhin entscheide ich, ob das Cover nicht nur abstrakt, sondern auch noch unbedingt pink sein muss. Ich lasse meine Protagonistin leiden und lieben wie ich will, und verfasse je nach eigener Lebenskrise ein Happy- oder Sad-End. All das liegt in meiner Hand. In langen Nächten habe ich mir die Fingerkuppen wund getippt, um tagsüber als Hamsterrad-Zombie durch den Alltag zu kommen. Ich liebe das Schreiben, doch es ist auch manchmal eine Hassliebe. Es alleine zu machen bedeutet auch, dass man eben nicht nur Autorin sein darf, die teetrinkend aus dem Fenster auf einen See blickt und zwischendurch Sätze zu Kapiteln formt. Als Selfpublisherin bin ich auch Grafikerin, Juristin, Lektorin ... Naja. Mittlerweile gibt es tolle Plattformen wie Canva. Auf einen Klick sieht das Cover schon ganz professionell aus, jedenfalls im Vergleich zum gruseligen Kindle Cover Creator. Impressumdienste helfen, anonym zu bleiben, falls man das möchte. Für das Lektorat allerdings habe ich meine Penunzen, die auch ein Wellnesswochenende hätten werden können, zusammengekratzt. Mir war es wichtig, dass meine Geschichte einen sauberen Schliff bekommt. Nach der Veröffentlichung war ich erst berauscht, dann ernüchtert, und wieder euphorisch, hatte Angst vor dem Urteil meiner Freunde, der Leserrunde bei Lovelybooks und den Rezensionen, konnte dann nicht glauben, dass meine Worte Menschen wirklich berühren, sie zum Weinen und Lachen bringen und vor allem: zum Nachdenken über ein Tabuthema.

Ich werde mich ausprobieren, dabei scheitern,  es anders versuchen, lernen. Manchmal sehne ich mich nach einem Verlag, der mir das ganze Drumherum abnimmt. Mein Doppelleben als Künstlerin ist nicht immer leicht, aber es beruhigt mich auch. Ich habe die Möglichkeit zu veröffentlichen, ohne vorher die unzähligen Türsteher der Verlage um Einlass in die einst so elitäre Branche zu bitten. Und diese Option macht mich glücklich.

Selfpublishing