Gelesen

Ein Monat. Ein Buch.

(Spoilerfrei)

Septemer 2020

Das wirkliche Leben von ADELINE DIEUDONNÈ

Eine namenlose 10-Jährige versucht in einer tristen Reihenhaussiedlung am Waldrand sich und ihren Bruder vor dem  jagdverliebten, cholerischen Vater zu schützen. Die Mutter ist passiv, lieblos, gebeutelt von der Brutalität ihres Mannes. Die Schilderung von Gewalt passiert ungefiltert, dennoch lassen ein paar wenige Lichtblicke auf ein besseres Leben hoffen. Die brisante Erzählung vom Kampf einer Heranwachsenden gegen die Autorität des Vaters hätte mir ohne die Horrorelemente, mit Hauch zum Übersinnlichen und ohne einiger unglaubwürdiger Zufälle, besser gefallen. Trotzdem hat mich das Schicksal der Protagonistin nicht losgelassen.

Adeline Dieudonné schafft eine bedrohliche Stimmung, erzählt in knappen Sätzen und kurzen Kapiteln ein dystopisches Märchen – manche Vergleiche holpern etwas, vielleicht nur in der Übersetzung.

DTV

August 2020

Die Tribute von Panem von SUZANNE COLLINS

"Das Lied von Vogel und Schlange"

Panem. 64 Jahre vor Katniss. Das zehnte Jahr der Hungerspiele steht an. Coriolanus Snow ist ein Teenager und bereits der eitle Charmeur, den wir aus der Trilogie kennen und schätzen. Seine Empathie als Mentor gegenüber seiner Tributin Lucy Gray aus Distrikt 12 wird von der Gier nach Macht, Ruhm und Ehre überschattet. Und so wird – Überraschung – aus dem nach dem Krieg verarmten jungen Snow, langsam aber sicher ein Despot.

Danke, Suzanne Collins, dass ich in deine dystopische Welt der Hungerspiele zurückkehren durfte! Auch wenn es gerade in ist, Antagonisten zu Protagonisten zu machen, hat mich das Prequel mit Snow als Hauptfigur positiv überrascht. Ein paar Pünktchen muss ich leider abziehen und zwar für die Story, die manchmal gezwungen daherkommt, damit es passt. Denn obwohl ich die Sängerin Lucy Grey ins Herz – nicht so sehr wie Katniss damals – geschlossen habe, wurde ich mit der Beziehung zwischen ihr und Coriolanus nicht richtig warm und konnte nicht alles nachvollziehen. Aber vielleicht bekommt der neue Band, in dem Collins auch auf ethisch-philosophische Aspekte zur Menschlichkeit eingeht, eine Fortsetzung. Trotz kleiner Kritik, habe ich das Buch sehr gern gelesen und freue mich auf den Film.

Oetinger

Juli 2020

Lebenswerk von RACHEL CUSK

"Über das Mutterwerden"

2001 erschien das Essay in Großbritannien und wurde nun auch auf dem Deutschen Markt – von Eva Bonné übersetzt – herausgegeben. Damals lösten die drastischen Gefühle zwischen Zerrissenheit und Liebe der (werdenden) Mutter einen Skandal im vereinigten Königreich aus. Heute, zwei Jahrzehnte später, sorgt Regretting Motherhood immer noch für Furore, mit der es sich allerdings gut im Klappentext werben lässt: Rachel Cusk seziert ihre Erfahrungen am eigenen Leib und das auf so ehrliche und unsentimentale Weise, dass sie damit zur "meistgehassten Schriftstellerin Großbritanniens" (The Guardian) geworden ist. 


Kultiviert lässt uns Rachel Cusk am Schock des Mutterseins teilhaben und erfindet sich neu. Sie war ihrer Zeit voraus, bekommt nun die Anerkennung, die ihr autobiografisches Werk verdient. Ich habe mich persönlich und gesellschaftlich ertappt gefühlt und musste oft schmerzverzehrt schmunzeln. 

Ihre Romantrilogie "Outline", "In Transit" und "Kudos", in der uns die Protagonistin durch Zuhören ihre Geschichte offenbart, kann ich ebenfalls sehr empfehlen.

Suhrkamp


JUNI 2020

Pixeltänzer von BERIT GLANZ

Berliner Gegenwart im Startup. Die Programmiererin Elisabeth – Beta – ist gelangweilt von den Hipster-Zwängen in der Tech-Szene und von ihren Tinder-Dates. Durch eine Aufwach-App, bei der Beta von fremden Menschen aus aller Welt geweckt wird, lernt sie den Hamburger Toboggan kennen, der im Silicon Valley arbeitet. Die wenigen Minuten, die man zum Plaudern hat, nutzen die zwei für ein Nerdgespräch über Atari. Nachdem die App die Verbindung kappt, begibt sich Beta auf digitale Spurensuche zu dem grotesken Kostüm auf Tobaggans Profilfoto ... Der Beginn einer Reise in die 20er Jahre, zu den Maskentänzern Lavinia und Walter Schulz, ein reales Künstlerpaar mit tragischer Geschichte.


Ironie und Weisheit. Berit Glanz trifft den Zeitgeist so gut, dass es wehtut und baut leichtfüßig eine Brück zur Vergangenheit. Als Berlin-Kind der 80er habe ich an vielen Stellen wissend gelächelt. Ein tolles Buch.

SCHÖFFLING & CO.

Mai 2020

Das Haus der Frauen von LAETITIA COLOMBANI

Paris. Historie und Gegenwart. Die Anwältin Soléne übernimmt – auf Anraten ihres Psychologen – ein Ehrenamt im Palast der Frauen. Aller Anfang ist schwer, nur langsam findet sie einen Zugang zu den Frauen, die vor Gewalt, Flucht und Abhängigkeiten geflohen sind. Die zweite Protagonistin ist Blanche Peyron, die wahre Begründerin  des »Palais de la femme« vor hundert Jahren. Ihre Geschichte wird parallel erzählt. Eine Empfehlung von meiner Schwester, da ich im Mai leider, leider nicht zum Lesen gekommen bin.

Laetitia Colombani appelliert trotz berührender Schicksale auf schlichte Weise an unser Mitgefühl.

S. FISCHER

April 2020

Der Gesang der Flusskrebse von DELIA OWENS

North Carolina in den 60ern. Die einsame Kya wird in der Marsch vom Mädchen zur Frau. Von ihrer Familie verlassen, verbündet sie sich mit der Natur, um zu überleben. Für die meisten Dorfbewohner ist sie bloß Sumpfgesindel. Jahre später, aber parallel erzählt, wird die Leiche von Chase, dem Liebling des Ortes, in der Marsch gefunden. Ist Kya eine Mörderin?
Auf die kitschigen Passagen konnte ich mich nicht immer einlassen, das Traurige hingegen lag mir schwer auf der Seele.


Eine zauberhaft wilde Welt. Wenn Delia Owens über die Sumpflandschaft und ihre Tiere schreibt, hört man Möwen kreischen und Wellen tosen, fühlt die raue Schönheit.

HanserblaU

März 2020

Drei von DROR MISHANI

Israel. Drei Frauen. Ein Mann. Die Gefahr kommt ganz unprätentiös daher. Ein Krimi, der als Gegenwartsroman beginnt und zum Thriller avanciert. Orna versucht nach ihrer Scheidung klar zu kommen und für ihren Sohn stark zu sein. Die religiöse Lettin Emilia schlägt sich als Pflegekraft durch. Ella studiert wieder ein intellektueller Ausgleich vom Alltag mit drei Töchtern. Sie alle begegnen Gil, einem Mann, den sie am besten nie kennengelernt hätten.

Raffiniert bis zur letzten Seite. Dror Mishani schreibt aus Sicht der Protagonistinnen und macht sie zu Freundinnen. 

Diogenes Verlag

Februar 2020

Trost von IDA HEGAZI HØYER

Die Einsamkeit der Metropole. Eine anonyme Protagonistin – scheinbar selbstbewusst und unabhängig   reist nach Lissabon, Berlin und Brüssel. Pro Stadt geht sie eine "Beziehung" ein, wagt es aber (leider) nicht, sich wirklich einzulassen. Die Frau ohne Namen bleibt mir zwar fremd, dafür reflektiert sie auf kluge Weise ihre Unzugänglichkeiten.

Sinnlich und bedrückend. Ida Hegazi Høyer schreibt freiweg über Intimität und der Angst vor Nähe.

Residenz Verlag

Trost von Ida Hegazi Hoyer

Januar 2020

Die Vegetarierin von HAN KANG

Eine apathische Rebellion gegen gesellschaftliche Normen in Südkorea. Über Nacht weigert sich die unscheinbare Yong-Hye Fleisch zu essen und treibt damit ihren Mann, der es eher durchschnittlich mag, in den Wahnsinn. Ich hatte Gänsehaut.

Krass und originell. Han Kang erzählt eine groteske Geschichte aus drei Perspektiven.

Aufbau-Verlag

Die Vegetarierin von Han Kang